Außer der Reihe:
Arcandor-Karstadt-Quelle:
"Insolvenz als Chance" - eine
Lüge und Zynismus dazu
Im einer
der größten Finanz- und Wirtschaftskrisen des
globalen Kapitalismus meldet ein namhaftes Unternehmen nach dem anderen
wegen Zahlungsschwierigkeiten oder Zahlungsunfähigkeit
Insolvenz an wie Kaufhausgiganten Hertie oder Karstadt als
Teil des Konzerns Arcandor, oder diese stehen
zunächst im Raum wie beim Autohersteller Opel (bei
welchem im Wege der Herauslösung aus dem amerikanischen
Mutterkonzern, mittels
massiver Staatshilfe und
finanzstarken Investoren die Insolvenz abgewendet wurde - mit
allerdings nicht weniger ungemütlichen Aussichten für
die Beschäftigten, die für den Aufbruch von Opel zu
neuen Ufern werden bluten müssen. Und für den
verbleibenden Rest der Belegschaft ist noch längst nicht
ausgemacht, ob die neue Geschäftsstrategie der neuen
Eigentümer ihre stolzen Arbeitsplätze unter allerlei
materiellen Verzicht und Leistungsforcierung wielange sichert).
Insbesondere
die Politik und die Damen und Herren Insolvenz-Verwalter selber
beherrschen gekonnt das Ammenmärchen, in der Insolvenz
läge auch eine "Chance". Fragt sich nur inwiefern und
für wen?
Die erste Lüge ist
schon unmittelbar greifbar und erhellt aus dem Begriff Insolvenz, zu
deutsch: Zahlungsunfähigkeit, heißt: das ganze
schöne
ins Unternehmen gesteckte Kapital, einschließlich die
Bankkredite
taugen nicht mehr dafür, am Markt zu bestehen und sich
durchzusetzen. Die finanziellen Rückflüsse und
Erträge schrumpfen in einer Weise,dass noch nicht mal laufende
Zahlungsverpflichtungen erfüllt werden können. Die
Erfolglosigkeit in der Konkurrenz hat ergeben, dass der
Geschäftsbetrieb eigentlich eingestellt werden
müsste. Früher führte sowas zur
Eröffnung des Konkurses, populär: der Pleite-Geier
kreist über die Firma. Heute schimpft sich das Insolvenz.
Das,
worin die behauptete großartige "Chance" liege, stellt ab auf
das vom Staat vorgesehene Verfahren, wie im Falle von Insolvenz
vorzugehen ist. Und was da als sog. "Rettungsschirm" unter Aufsicht von
Insolvenz-Verwaltern vorstellig gemacht wird, dass auch noch
möglichst viele Arbeitsplätze erhaltenswert zu machen
wären, enthält schon wieder nichts als Unwahrheiten
und Zynismen dazu:
Die Sorgen der lieben
Mitarbeiter um ihren Lebensunterhalt sind sowieso nicht das
Maß; denen werden eher Sorgen bereitet: wenn unter Bedienung
der Zins- und Tilgungsansprüche der Gläubiger oder
deren Verzicht auf Forderungen sowas wie eine Sanierung oder
Teilsanierung ansteht, haben die abhängig
Beschäftigten nichts zu lachen. Unrentable Unternehmensteile
werden dichtgemacht, also etlicher materieller Reichtum und
Lohnarbeiterexistenzen darüber vernichtet! Noch
florierende Firmenabteilungen werden mit oder ohne neuen Geldgeber oder
finanzielle Spritzen der Alteigentümer fortgeführt
mit i.d.R. entsprechenden Einbußen und verschärfter
Ausnutzung der Arbeitskraft ; schließlich gilt es sich gegen
die Konkurrenz zu wappnen.
Also von wegen "Chance": die
Subjekte des neuen Geschäftsgangs nach Abwicklung der
Insolvenz können sich neuer Ertragschancen erfreuen; das
Fußvolk an der Arbeitsfront hat nichts als Plackerei
für wenig und meist gesenktem Lohn davon oder wird erst gar
nicht mehr dazu zugelassen per Entlassung.
Und
dann noch ein Wort zu den sog. Wirtschaftsexperten:
Was
das Insolvenz-Verfahren betrifft, so mag zwar ein "Neuanfang"
über den Erlass von Schulden in Gang kommen. Diese
Streichung von Schulden in der Bilanz ist erst mal nur ein formeller
Akt. Selbst im Falle der materiellen Entlastung von Zins- und
Tilungslasten sagt dies noch nichts über die
Beständigkeit
der Ertragserwirtschaftung bzw. deren Wiederherstellung aus. Der
ökonomische Grund dafür, weshalb sich die
ganzen Kredite nicht als Mittel des Geschäftserfolgs erwiesen
haben, ist nämlich mit der Bilanzbereinigung gar nicht aus
der Welt geschafft.- Der Erfolg am Markt will erst errungen
sein: das ist der Unterpfand dafür, dass Banken wieder Kredite
herausrücken. Natürlich gibt es das Instrument der
Bürgschaft. Aber alles läuft drauf hinaus, das Banken
wie meist staatliche Bürgen die Waffen der Konkurrenz
geschmiedet sehen wollen; die Konkurrenz schläft aber nicht.
Die ganze Chose geht dann wieder von vorne los: entweder das sanierte
Unternehmen kriegt die Kurve, dann haben andere Unternehmen das
Nachsehen mit drohender Pleite - oder der einst wieder
solventen Firma steht das endgültige Aus bevor.
Aber
auch dafür haben die Praktiker und Ideologen der
Marktwirtschaft die kompetent verharmlosende Antwort parat: das Kommen
und Gehen von Unternehmen ist nun mal ein Markenzeichen der besten
aller Wirtschaften.
Nachtrag
1/Juli 2009
Es
geht hier in der Hauptsache um das Aufzeigen der
Lügenhaftigkeit
und der Gemeinheit des Spruchs von der Insolvenz als "Chance". Es wird
hier nicht in extenso das Krisenszenario aufbereitet. sondern zum
Verständnis des eigentlichen Anliegens sehr allgemein
gehalten. So
"fehlt" hier natürlich das Spezifische, wie aktuell
die
ausgreifende Finanzkrise auf Industrie und Handel
durchschlägt.
Bloß schließt das Allgemeine an der
Krisenerläuterung
das Spezielle ein. Nur soviel:
Solche
Läden wie Versandhaus
Quelle, mit Karstadt im Konzern Arcandor zusammengeschlossen, weisen
die Besonderheit auf, das vor allem nach der Kundenseite und im Gefolge
davon auch nach der Lieferantenseite hin wesentlich Kreditoperationen
angelegt sind: Quelle macht sein Geschäft mit der Armut der
Kunden
dahingehend, dass es denen Ratenzahlungen auf ihre Käufe
einräumt. Das bringt es mit sich, dass, wenn die Lieferanten
das
Versandhaus nicht in analoger Weise kreditieren, dieses darauf
verwiesen ist, seine Bestellungen/Einkäufe per Kredit durch
Banken
vorfinanzieren zu lassen. Außer den herkömmlichen
Profit
streicht Quelle die Zinsdifferenz zwischen den ihren Kunden auferlegten
Zinsen und den Schuldzinsen bzgl. der Gläubigerbanken ein. Die
Hauptsache aber ist: Die Rückflüsse aufgrund der
Kundenzahlungen und Zahlungsverpflichtungen des Handelshauses klaffen
auseinander. Das geht solange gut, wie die gewinnträchtigen
Einnahmen von Quelle dafür taugen, in einer gewissen
Kontinuität Tilgung wie Zinsabgänge an
die Geldhäuser wie die
direkten Zahlungen gegenüber Lieferanten (d.h. die ohne
Vermittlung durch Bankkredite) zu tätigen. Es ist also das
"Kunststück" zu vollbringen, aus den sukzessiven
Geldzuflüssen der Kunden die ganz anders dimensionierten
Tilgungs-
und Zinsansprüche der Banker zu bedienen. Oder anders: auf
Grundlage bereits
erfolgter Verkaufsakte kehrt der in den veräußerten
Waren
enthaltene Kapitalwert nicht in dem Maße des den Kunden in
Rechnung gestellten Werts der Waren zurück, eben nur
portionsweise
nach Maßgabe der Abstotterung der Raten seitens des
Versandhauskunden. Solche Unternehmen sind also notorisch noch in ganz
anderer Weise auf Kredit verwiesen: zuallererst, um eine gelaufene
Geschaftsperiode durchzustehen, zum anderen zwecks Fortführung des
Geschäfts, wo es wie auch bei anderen Firmen um die
Überbrückung per Kredit geht, also nicht drauf zugewartet
wird, bis das Vorgeschosene für erneute Produktion bzw. Handel
zurückgeflossen ist.
Bleiben die Einnahmen signifikant
zurück aufgrund
sinkender Nachfrage, Abwanderung von Kunden an die Konkurrenz oder auch
größerer Zahlungsausfälle bei den
Quelle-Kunden, so
stockt der Geldfluss und Quelle kriegt ein Zahlungsproblem.
Dies
ist lediglich aufgeschoben und nicht aufgehoben, wenn jetzt Quelle sog.
Massekredite von Staatsseite gewährt werden.Denn,was dem
Desaster
zugrundeliegt, dass nämlich die Bankkredite an Quelle nicht
durch
entsprechende Einkünfte beglau- bigt werden, ist nicht
beseitigt.
sondern wird durch die Mehrkredite und damit Mehr- verpflichtungen noch
potenziert; die Notwendigkeit der Bedienung von Krediten
nimmt
geradewegs zu, ohne dass absehbarerweise dem ein Mehr ein Einnahmen
gegenüber- steht. Die drohende Zahlungsunfähigkeit
bleibt
existent, ihr endgültiges Eîntreten ist nach hinten
verlagert - und zwar durch die ökonomische
Verrücktheit, dass
auf die nicht bedienbaren Kredite weitere drauf gepackt werden.
Dies
wird übrigens auch offiziell darüber eingestanden,
dass die
50 Mio. Massekredit von Bund und Ländern lediglich auf die
Aufrechterhaltung des lfd. Geschaftsbetriebs während des
Insolvenzverfahrens zielen, also gerade nichts an den betrieblichen
Nöten des Versandhauses ändern (was den Staat
gleichwohl zu
der Herausgabe des Notkredits bewogen hat, sei erstmal dahingestellt:
auf sein Geld achtet er, wenn es heißt, im Falle der
endgültigen Pleite müsse der Massekreditgeber zuerst
befriedigt werden; Massekredit sei insofern sogar sicherer als
Bürgschaften).
Und noch mal zum Kontext Finanzkrise
betreffend: Selbst, wo behauptet wird, die Geschäfte von
Quelle
liefen doch, erst die Zurückhaltung der Kreditgeber
aufgrund
des um sich greifenden Misstrauens habe zu
Zahlungsschwierigkeiten bzw. regelrechter Überschuldung
geführt, läuft darauf hinaus: die aufrechterhaltene
Zahlungsfähigkeit vorher war eine nur noch geliehene, die
Kreditierung nicht durch entsprechende reelle
Rückflüssse
gerechtfertigt.
Nachtrag
2/ Aug. 2009
Zu dem ökonomischen
Gehalt der Übernahmepläne der Konkurrenz, namentlich
Metro, in Bezug auf Karstadt/Quelle.
Die
- inzwischen nicht mehr aktuell sein sollenden - Fusionspläne von
Metro, wonach 30% der Karstadthäuser geschlossen werden sollten :
damit stellt der verbleibende Gigant in Sachen Kaufhäuser die
Schrumpfung der Zahlungskraft der Kunden bzw. deren Verlagerung auf die
Billiganbieter auf der "grünen Wiese" (übrigens
tatkräftig gefördert durch die lokalen Staatsvertreter, die
nicht genug davon kriegen können, möglichst viel
Wirtschaftsleistung auf ihrem Gebiet enzuwerben und zu konzentrieren)
oder auf die Billig-Discounter in Rechnung. Der Fusionsbetreiber sucht
sich explizit die "Sahnestücke" unter den Karstadt-Filialen raus,
um deren Gewinnpotential für sich einzuheimsen. Es soll sogar
vorkommen, dass Kaufhof- und Karstadt-Dependancen prächtig
nebeneinander auf der gleichen Einkaufsmeile das Geschäft an sich
gezogen haben. Hier gilt dasselbe wie bei den anderen
Sanierungsvarianten: einiges an Reichtum und Arbeitnehmerexistenzen
werden dafür ruiniert, dass der Fusionist Metro am Geschäft
der noch profitablen Abteilungen des (einstigen) Konkurrenten Arcandor
partizipiert. Gesichert ist damit für die noch Beschäftigten
gar nichts.
Und Vorsicht ihr Wirtschaftsmoralisten: den
Schickedanz und Co. eins reinzureiben, weil sie zur Vermeidung der
Insolvenz nicht risikofreudig genug wären, indem sie frisches
Kapital zur Eindämmung der Zahlungsklemme und zurm
Wiederaufschwung des Geschäfts zuschießen, das sogar per
Gesetz erzwingen zu wollen: widerspricht dies nicht ein wenig dem
verfassungsmäßigen Hauptgrundsatz der Marktwirtschaft,
nämlich der Freiheit des Privateigentums? Die moralischen
Inquisitoren übersehen, dass die Schickedanzen in der
Geschäftskrise dieselben allseits anerkannten Maßstäbe
anlegen wie in allen wirtschaftlichen Phasen - rentieren muss sich ihr
Kapital! Wenn in der Krise alles andere als gesichert ist, dass es mit
Kapitalbezuschussung wieder aufwärts geht, dann geht auch kein
Kapitalist das Risiko ein.
Ein Treppenwitz der
Verfassungsgeschichte ist, wenn aus ihr hergeleitet wird, "Eigentum
Verpflichte" zu sozialen Wohltaten - es verpflichtet zu dessen
Vermehrung, eingeshlossen alle schädlichen Konsequenzen für
die Abhängigen. Letzteres mal zum Anlass für eine praktische
Kritik an Staat und Kapital zu nehmen, liegt denjenigen fern, die
partout sich Kapitalismus als einträgliches Nebeneinander von
dessen Profiteuren und deren lohnarbeitenden Fußvolk denken und
fest die Treue halten.
Nachtrag 3/ Dez. 2009
Zur Besonderheit der Kreditfinanzierung im Versandhandel (sog. Factoring)
Es soll im Versandhandel das sog. Factoring als Spezialität der
Kreditierung üblich sein, d.h. die Abtretung/Verkauf von
Kundenforderungen des Versandhändlers an Banken.
Hier liegt offenbar so etwas wie eine finanztechnische
Ökonomisierung vor: statt also die sukzessiv einkommenden
Rückflüsse per Ratenzahlungen der Kunden mit Kredit zu
überbrücken, erhält der Versandhändler per
Abtretung der Forderungen an Banken sofort Flüssiges , als
hätten die Kunden sogleich voll geleistet - natürlich unter
Abzug gewisser Abschläge, weil sich die Banken die Übernahme
des Kredit-/Ausfallrisikos im Verhältnis zu den Kunden des
Versandhauses fürstlich entgelten lassen. Die Versandfirma
verhält sich bei dieser Sorte Finanzierung also so, als wären
die Zahlungsversprechen ihrer Kunden bereits eingelöst. Die wie
realiter stattgefundene, vorweggenommene Vereinnahmung von
Vorgeschossenem bzw. aufgewendetem Kapitaleinsatz plus Gewinnmarge
versetzt den Versandhändler in die bequeme Position ihre
Verbindlichkeiten bei Lieferanten umstandslos zu erfüllen und die
Kontinuität des Geschäftsgangs sicherzustellen -
gleichgültig dagegen, was aus den einstigen, jetzt abgetretenen
früheren Kundenforderungen wird, die sein Problem nicht mehr
sind; das hat die Versandfirma ja erfolgreich auf die Banker
abgewälzt.
Allerdings trifft auch beim Factoring die allgemeine Kennzeichnung zu,
die auch bei gewöhnlicher Kreditvergabe gilt: der Erfolg des
Geschäfts und damit die Kreditwürdigkeit hängen an der
Solidität/Bonität der Masse der Kunden und der
Geschäftstüchtigkeit des Versandunternehmens gegen die
allgegenwärtige Konkurrrenz. Sind hier signifikante Einbrüche
zu verzeichnen, entzieht die Factoring-Bank dem Versender das Vertrauen
und es ist aus mit der Kreditierung bzw. Übernahme der
Kundenforderungen - bzw. die Kreditierung erfolgt nur noch zu
Bedingungen, dass es sich für den Kreditnehmer bzw. Abtreter der
Kundenforderungen nicht mehr rechnet. Und dies ist offenbar bei Quelle
so eingetreten: erhebliche Umsatzrückgänge und das damit
einhergehende Misstrauen in die Kreditwürdigkeit mangels Fortgang
profitabler Geschäftsfähigkeit haben dem Großversender
den Garaus gemacht.
|