Außer
der Reihe:
Arcandor-Karstadt-Quelle
So sieht sie aus, die
großartige Chance der Insolvenz:
Das größte
Versandhaus Europas wird "abgewickelt"
+
Sanierung von Karstadt unter viel
Verzicht der Mitarbeiter
Jetzt ist es raus, was
"Insolvenz als Chance" heißt:
Der Verkauf von Quelle an interessierte Investoren ist zusammen mit der
Kalkulation der Banken, die Kreditfinanzierung von Quelle wohl vor dem
Hintergrund massiv eingebrochener Geschäfte nicht mehr
geschäftstauglich aufrechtzuérhalten, gescheitert.
Das
"traditionsreiche" Versandhaus schließt und damit stehen 4000
bis
7000 Arbeitnehmer-Existenzen, Hunderte von
Vor-Ort-Quelle-Läden,
noch mal einige Hundert Leute aus Logistik-Centern und Call-Centern vor
dem Ruin. Die neu-deutsch "Abwicklung" titulierte Pleite erfolgt zudem
als billige Verscherbelung der Restlagerbestände , u.a. um die
Befriedungsmasse für die Gläubiger hochzuhieven -
nicht
zuletzt, was den Massekredit des Staates betrifft, der ja ein letzter
Kraftakt zur Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit
gewesen
sein soll.
Kommentar des obersten bayrischen Landesfürsten: sie
hätten
mit Massekredit alles ihnen Mögliche getan, aber der Staat
könne nicht anstelle des nun endgültig maroden
Unternehmens
treten; will sagen: dass ständig Firmen, auch
Großunternehmen, der Konkurrenz zum Opfer fallen samt
tausendfacher Existenzruinierung bei Arbeitnehmern gehöre nun
mal
zur Normalität der besten aller Wirtschaften.
Nun wird den außer Lohn und Brot Gesetzten
großartige
"Hilfe" der modernen Arbeitsagenturen angeboten: schnelle
Neuvermittlung und Qualifizierung wären angesagt. Denn auch
das
gilt als normal: kaum haben die Leute erfahren, wie unsicher ihr Dasein
in der Profitwirtschaft ist, haben sie die Pflicht, sich erneut
feilzubieten. Angesichts der Konkurrenz um knappe
Arbeitsplätze
ist die Annahme unterbezahlter Jobs und solcher unterhalb des
bisherigen Qualifizierungsstandards das Gebot der Stunde.
Verdrängungswettbewerb per Unterbietung wird so vom Staat
kräftig angeheizt, sodass es schon wieder Bedarf zur Betreuung
neuer Arbeitsloser gibt.
Weiterbildung ist die Pflicht, sich gemäß den
geschäftlichen Bedürfnissen irgendwo auf dem
Arbeitsmarkt
zurechtzustutzen, gleichgültig, ob irgendein Unternehmer
Bedarf
hat. Und wenn die Leut das Glück haben, den ersehnten
Arbeitsplatz
zu ergattern, sind sie wieder den Aufs und Abs der
Geschäftskalkulation mit ihnen ausgesetzt. Irre scheint daran
keiner zu werden.
Zur
besserwisserischen ideologischen Besprechung der Ursachen des
Untergangs eines Großversandhauses in der
Öffentlichkeit :
Die Wirtschaftsexperten
wussten es natürlich schon vorher, woran Quelle versagte:
die
Zeichen der Zeit, die Trends (v.a. Internetgeschäft)
verschlafen,
einseitig auf das antiquierte Kataloggeschäft gesetzt. Es ist
dies
nichts als der parteiische Standpunkt, hier habe einer nicht
konkurrenztüchtig genug agiert - also die Widerlichkeit, dass
statt Amazon und Co. Quelle den Umsatz wegschnappen, das einst
große Versandhaus es versäumt habe, die Waffen der
Konkurrenz so zu schmieden, dass die alten und neuen Konkurrenten das
Nachsehen haben, mithin dort die Zerstörung von
Geschäft und
Arbeiterexistenzen stattfindet. - Im übrigen ist es albern, am
angeblichen veralteten Handel per Katalog das Scheitern von Quelle
festzumachen: die Konkurrenz namens Otto-Versand setzt nachwievor auf
das Geschäft über den Katalog und soll zugleich
erfolgreich
im Internethandel dastehen. Beide Sorten Geschäftemacherei
vertragen sich hier offenbar prima.
Nie und nimmer ist solchen Besserwissern die Konkurrenzwirtschaft
selbst mit ihren ruinösen Begleiterscheinungen betreffend den
Reichtum und die Existenz der Abhängigen ein Dorn im Auge; die
richtige Einstellung zu und Umsetzung der Konkurrenznotwendigkeiten,
Ratschläge eben zu zeitgemäßen
Konkurrenzstrategien
sind ihr parteilich gefärbtes Lieblingsthema!
Zu den laufenden "Rettungsmaßnahmen" bei Karstadt:
Belegschaft
darf viel verzichten für den geschäftlichen
Fortgang
eines Warenhauses:
Im
Unterschied zu Quelle ist die Insolvenzverwaltung in Bezug auf Karstadt
und dessen geschäftlichen Fortbestand optimistischer: das
Warenhaus schreibe im "operativen Geschäft" schwarze Zahlen, sei
liquide und die Lieferanten sorgten für Nachschub, Rechnungen
werden bezahlt. Aber: das "Ringen um die Zukunft von Karstadt habe
gerade erst begonnen".
Denn damit es langfristig und verlässlich wieder aufwärts
geht, sind harte Sanierungsmassnahmen auf den Weg gebracht: 150 Mio.
Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie übertarifliche Zulagen, für
jeden Mitarbeiter 2500 Eur pro Jahr wird an Verzichtsleistung
gefordert; etliche Filialen sollen geschlossen werden, die nichts oder
zuwenig zum Gewinn beitragen. Dies schimpft sich Planinsolvenz, auf
dass aufgrund der Sanieungsmassnahmen ein Investor auf den Geschmack
kommt, sich bei Karstadt als lohnendes Geldvermehrungsobjekt
einzukaufen.
Und die Heinis von der Gewerkschaft haben extra ein
Wirtschaftsgutachten erstellen lassen, um prüfen zu lassen,
inwieweit der groß angelegte Verzicht der lieben Mitarbeiter
wirtschaftlich tragfähig ist - natürlich unter der
Einforderung dessen, dass auch andere ihren Sanierungsbeitrag leisten:
so sollen doch tatsächlich Vermieter von Verkaufsflächen
dazu gebracht worden sein, von ihren Mietforderungen runterzugehen
und so für die Kostenbilanz von Karstadt was beisteuern. -
Gewerkschaften plustern sich heutzutage ohnehin nur noch als die
besseren Manager auf. Jede Erinnerung daran, dass die Leute vom Lohn
leben können müssen, ist getilgt. Gehen die Leute
normalerweise arbeiten, um mit einem Einkommen ihr Leben zu bestreiten,
kann man an der laufenden Sanierung nicht nur von Karstadt studieren:
umgekehrt wird hier Lohn dreingegeben, um weiter für den
Geschäftserfolg der Firma arbeiten zu dürfen.
Und das ohne jede Garantie: die "Zukunftsfähigkeit" des
Warenhauses muss sich erst noch bewähren; das Ende der
Fahnenstange ist längst nicht erreicht; weiterer Verzicht,
Stellenabbau und Filialschließungen sind vorprogrammiert.
(Quelle: Südd. Zeitung v. 11.11.09)
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